Bundesrepublikanische Soziologie seit 1949 – eine Skizze ihrer epochalen Bedeutung

Joachim Fischer

Abstract


Es bahnt sich eine neue wissenschaftliche Auseinandersetzung um den Status der bundesrepublikanischen Soziologie seit 1949 bis heute an – in Fortsetzung bisheriger Rekonstruktionen (Gerhardt, Klingemann, Rehberg, Albrecht etc.). Die Aufforderung zu einem Handbuchartikel zur ›Geman Sociology‹ der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im ›Routledge-Handbook of European Sociology‹ machte klar, dass die deutsche Soziologiegeschichtsschreibung einer sich formierenden ›Europäischen Soziologie‹ in einem prägnanten Bild erzählen können muss, was die Herausforderungen, die Lösungen und die Erfolge der deutschen Soziologie von 1949 bis ans Ende des 20. Jahrhunderts gewesen sind. Ein erweiterter deutscher Aufsatz zur Frage des soziologiegeschichtlichen Ranges der bundesrepublikanischen Soziologie in ›Zyklos‹ 2 (Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie) findet eine erste Diskussion in Zyklos 3 (mit Beiträgen von Michael Becker, Uwe Dörk, Oliver Römer).
Argumentiert wird mit zwei Verschiebungen der soziologiegeschichtlichen Forschungen. In einer internen Verschiebung werden zwischen den Richtungen der Frankfurter Schule um Horkheimer und der Kölner Schule um König die moderne ›Philosophische Anthropologie‹ bzw. deren relevante soziologische Protagonisten (Plessner, Gehlen, Schelsky, Popitz, Bahrdt, Claessens, Tenbruck) als zentrale Mitspieler der sich konstituierenden bundesrepublikanischen Soziologie neu rekonstruiert (z.B. Fischer; Wöhrle; Delitz). Im Mittelpunkt steht die arbeits-, technik-, industrie- und mentalitätssoziologische Doppel-Studie von Popitz/Bahrdt (›Technik und Industriearbeit‹, ›Das Gesellschaftsbild der Arbeiter‹). Die externe Verschiebung ergibt sich aus dem Blickwinkel nach 1989: Nach dem revolutionären Umbruch sozialistischer Sicherheitsgesellschaften zu bürgerlichen Risikogesellschaften tritt zunehmend klarer hervor: Wie keine andere westliche Soziologie hat die bundesrepublikanische Soziologie seit 1949 zu den sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen der ›offenen Gesellschaft‹ einer civil society theoretisch
reflektiert und empirisch geforscht – in permanenter Erinnerung an das katastrophale nationalsozialistische Schließungsprojekt der Moderne und unter dem ständig mitlaufenden Eindruck der seit 1949 alternativen Schließung der Moderne durch das vernunftsozialistische Gesellschaftsprojekt im sowjetischen Mittel- und Osteuropa.


Schlagworte


Bundesrepublik; Europäische Soziologie; Philosophische Anthropologie; soziologische Schulen

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Literaturhinweise


Fischer, J. 2015: Bundesrepublikanische Soziologie von 1949 bis heute. Versuch einer neuen Skizze ihrer Geschichte. In M. Endreß, K. Lichtblau, S. Moebius (Hg.), Zyklos 2. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 73–99.

Fischer, J. 2014: Sociology in Germany (1949 to the Present). In A. Kyrtsis, S. Koniordes (eds.), Routledge Handbook of European Sociology. London: Routledge, 342–356.

Becker, M. 2016: Kritische Soziologie und die gesellschaftliche Demokratisierung in der frühen Bundesrepublik. Ein Kommentar zu Joachim Fischers Beitrag: ‚Bundesrepublikanische Soziologie von 1949 bis heute. Versuch einer neuen Skizze ihrer Geschichte‘. In M. Endreß, K. Lichtblau, S. Moebius (Hg.), Zyklos 3. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 191–207.

Dörk, U. 2016: Kommentar zum Versuch Joachim Fischer zu einer Skizze der Geschichte der bundesrepublikanischen Soziologie von 1949 bis heute. In M. Endreß, K. Lichtblau, S. Moebius (Hg.), Zyklos 3. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 209–219.

Römer, O. 2016: Popitz lesen. Marx in der Philosophischen Anthropologie. In M. Endreß, K. Lichtblau, S. Moebius (Hg.), Zyklos 3. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 151–188.


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