Die Erstehung des „Gesellschaftsganzen“ als schöpferischer Akt – Ein Blick auf die Kultursoziologie Alfred Webers und weiter auf die aktuelle Theoriediskussion in der Soziologie

Peter-Ulrich Merz-Benz

Abstract


Aus Sicht der Gegenwartssoziologie erscheint das Werk Alfred Webers als eine fremde Welt. Weshalb sollen wir uns dann (noch) mit ihm beschäftigen? Im Ausgang von Alfred Webers Kultursoziologie vermag der Begriff der Gesellschaft und insbesondere des Gesellschaftsganzen um eine ›entscheidende Nuance‹ ergänzt zu werden, was sich wiederum für die aktuelle Theoriediskussion, Stichwort: Neubestimmung von Sozialität, als aufschlussreich erweist. Alfred Weber zufolge besteht das Gesellschaftsganze in ›struktureller Abgeschlossenheit‹, der gesellschaftliche Zusammenhalt selbst aber ist das Ergebnis ›kulturellen Tuns‹. Er ›verläuft‹ durch die Konkretionen des Wirklichkeitsgeschehens hindurch. Damit nimmt Alfred Weber eine historistische Position ein, bezieht sich zu deren Ausgestaltung indes über Dilthey hinaus auf Schopenhauer, auf Burckhardt und – eher ungewohnt – auf Goethe. Der Philosophie des Neukantianismus steht er ablehnend gegenüber. Dass der Zusammenhalt der im wertgeleiteten und sinnhaften Handeln der Menschen konstituierten sozialen und kulturellen Wirklichkeit allein in der intersubjektiven Geltung von Werten und deren innerwirklicher Auftretensform(en) in Gestalt von ›sozialen Beziehungen‹ und zuhöchst von Ordnungen begründet ist – entspre­chend der Auffassung seines Bruders Max –, findet nicht seine Zustimmung. Alfred Weber zufolge trägt das Gesellschaftsganze seine Ganzheit vielmehr in sich. Das Gesellschafts­ganze ist etwas, das im Handeln erst ›ersteht‹; es wird nicht bloß werthaft konstituiert, sondern durch Werte, Ideen, durch das Unbedingte, ›erfüllt‹. Dieses ›kulturelle Tun‹ ist ein ›schöpferischer Akt‹, mit dem das reale Handlungsgeschehen immer auch transzendiert wird, einschließlich der dieses (mit-)bestimmenden strukturellen Gegebenheiten sowie materiellen Verhältnisse. Damit wird Thema, was in der aktuellen Theoriediskussion unter den Titel ›Hervorbildung von Sozialität‹ figuriert, wobei Sozialität bezeichnenderweise etwas ist, das sich in und unter den gegebenen Verhältnisse vollzieht und doch über diese hinausweist, als etwas Neues. Und beinahe wichtiger noch: auch der Übergang von Nicht-Sozialität zu Sozialität steht als solcher zur Erörterung an.


Schlagworte


Gesellschaftsganzes; Schöpferisches; Kultur; Sozialität, Universelles; Rationalisierung; Akteur-Netzwerk-Theorie

Volltext:

PDF

Literaturhinweise


Latour, B. 1991: Nous n'avons jamais été modernes: essai d'anthropologie symetrique. Paris: La Decouverte.

Latour, B. 2005: Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory. Oxford: Oxford University Press.

Merz[-Benz], P.-U. 1990: Max Weber und Heinrich Rickert. Die erkenntniskritischen Grundlagen der verstehenden Soziologie. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Weber, A. 2000a: Der soziologische Kulturbegriff [1912]. In A. Weber, Schriften zur Kultur- und Geschichtssoziologie (1906–1958). Alfred Weber-Gesamtausgabe Band 8. Marburg: Metropolis Verlag, 60–75.

Weber, A. 2000b: Prinzipielles zur Kultursoziologie. Archiv für Sozialwissenschaft und So¬zial¬¬politik, 47. Bd. (1920/21), 1–49. Zitiert nach dem Wiederabdruck in der Text¬samm¬lung Prinzipien der Geschichts- und Kultursoziologie von 1951 unter dem Titel „Ge¬sell¬schaftsprozeß, Zivili¬sa¬tions¬¬prozeß und Kulturbewegung“ bzw. nach der Edition dieser Textsammlung in Band 8 der Alfred Weber-Gesamtausgabe: A. Weber, Schriften zur Kultur- und Geschichtssoziologie (1906–1958). Alfred Weber-Gesamtausgabe Band 8. Marburg: Metropolis Verlag, 147–186.

Weber, A. 2000c: Kultursoziologie und Sinndeutung der Geschichte. Der Neue Merkur 7, Bd. 1. Stuttgart/Berlin 1923/24, 169–176. Zitiert nach dem Wiederabdruck in der Text¬samm¬lung Ideen zur Staats- und Kultursoziologie von 1927 bzw. nach der Edition dieser Textsammlung in Band 8 der Alfred Weber-Gesamtausgabe: A. Weber, Schriften zur Kultur- und Geschichts¬sozio¬logie (1906–1958). Alfred Weber-Gesamtausgabe, Band 8. Marburg: Metropolis Verlag, 33–117.

Weber, A. 1931: Artikel „Kultursoziologie“. In A. Vierkandt (Hg.), Handwörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Enke, 284–294.

Weber, A. 1929: Beitrag zur „Diskussion über ,Die Konkurrenz‘“. In Verhandlungen des Sech¬sten Deutschen Soziologentages vom 17. bis 19. September 1928 in Zürich. Vor¬trä¬ge und Diskus¬sio¬nen in der Hauptversammlung und in den Sitzungen der Untergruppen. Tübingen: Mohr (Sie¬beck), 88–92.

Weber, M. 1973a: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis. In M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: Mohr (Siebeck), 146–214.

Weber, M. 1973b: Soziologische Grundbegriffe. In M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wis¬sen¬schaftslehre. Tübingen: Mohr (Siebeck), 541–581.

Yaneva, A. 2009: Making the Social Hold: Towards an Actor-Network Theory of Design. Design and Culture, Vol. 1, Issue 3, 273–288 [deutsche Übersetzung: Yaneva, A. 2012: Grenzüberschreitungen. Das Soziale greifbar machen: Auf dem Weg zu einer Akteur-Netzwerk-Theorie des Designs. In S. Moebius, S. Prinz (Hg.), Das Design der Gesell¬schaft. Zur Kultursoziologie des Design. Bielefeld: transcript, 71–89].


Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2017 Geschlossene Gesellschaften - 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie