Lokalisierungen des Numinosen in Kirche, Kaufhaus, Kunstmuseum

Silke Steets

Abstract


In seinem Hauptwerk ›Das Heilige‹ (1917) beschäftigt sich der Religionswissenschaftler und Theologe Rudolf Otto mit dem ›ganz eigenen des religiösen Erlebens‹, das er in der Erfahrung des Numinosen sieht. Das Numinose entzieht sich Otto zufolge gänzlich der begrifflichen Erfassung; es sei dem Rationalen nicht zugänglich. Am ehesten lässt es sich wohl als ein Gefühl starker Ergriffenheit umschreiben, hervorgerufen unter anderem durch Begegnungen mit dem Schauervollen, dem Mysteriösen oder dem Magischen. Laut Otto bedienen sich Religionen unterschiedlicher Darstellungs- und Anregungsmittel des Numinosen, darunter auch (und ganz besonders wichtig) der Baukunst. Im Vortrag sollen zunächst zentrale Elemente der ästhetischen Inszenierung des Numinosen in Sakralbauten herausgearbeitet und mit Inszenierungstechniken in Kaufhäusern und Kunstmuseen verglichen werden. Hier zeigen sich deutliche Ähnlichkeiten. Dass wir in der Alltagswelt dennoch problemlos zwischen Kirchen, Kaufhäusern und Kunstmuseen unterscheiden können, hat weniger mit den ästhetischen Inszenierungen dieser Räume zu tun als vielmehr damit, dass Gebäude in einer funktional differenzierten Gesellschaft spezifischen Subsinnwelten zugeordnet sind, wodurch unterscheidbare Lokalisierungen des Numino­sen entstehen. Um dies konzeptionell zu fassen, bedarf es einer begrifflichen Unterschei­dung zwischen Architektur/Raum und Ort. Dies ausführend soll abschließend die Frage beantwortet werden, warum ähnliche architektonisch evozierte Erfahrungen des Schauer­vollen, Mysteriösen oder Magischen mal als Glaubenserlebnis interpretiert werden, mal in einen Kaufwunsch münden und ein drittes Mal als reiner Kunstgenuss gelten.


Schlagworte


Architektur; Raum; Kirche; Kaufhaus; Kunstmuseum; Phänomenologie

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Literaturhinweise


de Botton, A. 2008: Glück und Architektur – Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein. Frankfurt am Main: S Fischer.

O'Doherty, B. 1996: In der weißen Zelle / Inside the White Cube. Berlin: Merve.

Otto, R. 2013, orig. 1917: Das Heilige – Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. München: C.H. Beck.

Schütz, A., Luckmann,T. 2003: Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK.


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