Community-Kapitalismus oder Alternativökonomie? Kritische Anmerkungen zur Wiederentdeckung des Gemeinsinns

Silke van Dyk

Abstract


Wir erleben seit geraumer Zeit eine politische Konjunktur der Adressierung und Einforderung  von Gemeinsinn und Gemeinschaft(lichkeit), die ihre Brisanz als organisierendes Moment einer Post-Erwerbs-Politik erhält. Die Post-Erwerbspolitik zielt auf unbezahlte oder geringfügig entschädigte Tätigkeiten jenseits von Staat, Markt und Familie, die – mobilisiert durch eine Gemeinschaftsethik – einen Beitrag zur sozialen Infrastruktur und Daseinsvorsorge leisten sollen.Ziel des Beitrags ist es, die sozio-ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen dieser Konjunktur zu skizzieren und die Entstehung einer Konfiguration herauszuarbeiten, die ich Community-Kapitalismus nenne: Im Community-Kapitalismus wird der „Imperativ der Partizipation“ (Ulrich Bröckling) zum Dreh- und Angelpunkt eines Kapitalismus, der unbezahlte Tätigkeiten jenseits der Familie verstärkt als neue Ressourcen erschließt. Zu beobachten ist dabei eine spannungsvolle doppelte Bewegung: So sind wir einerseits Zeug/-innen eines Gemeinsinn- und Community-Booms ‚von oben‘, im Sinne einer staatlich induzierten Politik der Krisenbewältigung. Andererseits ist die Renaissance von Gemeinsinn und Community aber auch fest verankert in linken Bewegungen und programmatischen Ansätzen ‚von unten‘. Anhand drei exemplarischer Ansätze nimmt der Beitrag auch diesen Community-Boom kritisch in den Blick und sondiert das Spannungsfeld der doppelten Bewegung hin zu (mehr) Gemeinschaft und Gemeinsinn.


Schlagworte


Community-Kapitalismus; Care; Aktivierender Sozialstaat; Commons; Gemeinschaft; Freiwilligenarbeit

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