„Ich stelle mir nur vor, eine normale Familie zu sein“. Schwule Väter und Leihmutterschaft im deutsch-israelischen Vergleich

Julia Teschlade

Abstract


Nicht zuletzt aufgrund der wachsenden Bedeutung von Reproduktionstechnologien ist Verwandtschaft heute weniger biologisches ‚Schicksal’ denn kulturelle Praxis. Theoretisch können Menschen ihren Kinderwunsch in unterschiedlichen Konstellationen verwirklichen (Thompson 2005, Franklin 2013). Inwiefern dadurch das ‚Ideal’ der heterosexuellen Normalfamilie unterwandert wird, ist eine empirische Frage, der ich auf der Basis qualitativer Paarinterviews mit schwulen Paaren aus Deutschland und Israel, deren Kinder von einer Leihmutter geboren wurden, nachgehe.

Erste Analysen zeigen, dass ein zentrales Narrativ der Paare die „ganz normale Familie“ ist – ein verheiratetes Paar mit Kindern. Diese Normalität konstruieren sie mit Bezug auf die romantische Zweierbeziehung, die geprägt ist von Liebe, Stabilität und gemäßigtem Lebensstil. Dies deutet darauf hin, dass die Paare einen Normalisierungsprozess durchlaufen. Gleichzeitig widersetzen sie sich den heteronormativen Anrufungen. Sie verurteilen fortbestehende Diskriminierungen gleichgeschlechtlicher Paare und wollen sich nicht als Eltern im Sinne einer heterosexuellen Familiennorm beweisen müssen. Dabei spielt auch der rechtliche, kulturelle und politische Kontext in Deutschland und Israel eine zentrale Rolle, denn gleichgeschlechtliche Eltern- und Leihmutterschaft sind unterschiedlichen Akzentuierungen biopolitischer Regulierung unterworfen.

Aus den Interviews mit den israelischen Paare geht hervor, dass sie gesellschaftliche Anerkennung genießen, wenn sie eine Familie mit Kindern gründen und sie werden als Teil des reproduktiven gesellschaftlichen Mainstreams gesehen. Ausschluss wird hier eher zwischen Menschen mit und Menschen ohne Kinder produziert. Für die Paare aus Deutschland ist die Situation komplizierter. Nach wie vor sind sie z.B. in Bezug auf die Ehe oder Adoption ungleichgeschlechtlichen Paaren nicht gleichgestellt. Darüber hinaus müssen sie sich mit ethischen und moralischen Vorbehalten auseinandersetzen, wenn sie ihren Kinderwunsch mit einer Leihmutterschaft im Ausland verwirklichen, da Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist. Die Interviews zeigen, dass sie sich stark von Familienmodellen wie z.B. Co-Parenting abgrenzen und auf die Besonderheit ihrer Paarbeziehung als Dyade verweisen.

Aus den Interviews geht hervor, dass die Paare aus Deutschland und Israel einen von Ambivalenzen geprägten Weg zwischen Anpassung und Widerstand gehen. Während sie sich hegemoniale Familienarrangements diskursiv aneignen, entziehen sich gleichzeitig dieser Normalisierung, indem sie die Leihmutter und die Eizellspenderin in ihre Familienwerdungsgeschichte einbeziehen. Sie erhalten langfristig intime Beziehungen mit den Frauen aufrecht, um ihren Kindern den Kontakt zu ihnen zu ermöglichen. Die Väter machen kein Geheimnis daraus, dass sie Reproduktionstechnologien genutzt haben, was die Interpretation zulässt, dass sie proaktiv neue Verwandtschafts- und Beziehungsformen außerhalb der elterlichen Dyade aufbauen. Dadurch diversifizieren die Idee von intimen Beziehungen, was Auskunft über ein erweitertes Verständnis von Verwandtschaft und Familie geben kann (Butler 2002).

Allerdings muss der Gebrauch von Reproduktionstechnologien kritisch betrachtet werden. Auch wenn durch diese Technologien das heterosexuelle Privileg der Reproduktion ausgekoppelt werden kann, wird die starke Bedeutung biologischer Verwandtschaft hier nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil sogar verstärkt. Jedoch tragen sie auch zu sozialem Wandel und einem veränderten Verständnis, über Intimität und Familie nachzudenken, bei.

Ein Zeitschriftenartikel mit einem Überblick des Forschungsstandes und des methodischen Zugangs sowie einer Diskussion der empirischen Ergebnisse ist in Planung.


Schlagworte


Elternschaft, Reproduktionstechnologien, Recht

Volltext:

PDF

Literaturhinweise


Butler, J. 2002: Is Kinship already always Heterosexual? Differences: A Journal of Feminist Cultural Studies, Vol. 13, Issue 1, 14–44.

Foucault, M. 1994: The Social Triumph of the Sexual Will. In P. Rabinow (ed.), Michel Foucault. Ethics: Subjectivity and Truth. New York: The New Press, 157–162.

Franklin, S. 2013: Relative Values. IVF, Stem Cells, and the Future of Kinship. Durham/London: Duke University Press.

Thompson, C. 2005: Making Parents: The Ontological Choreography of Reproductive Technologies. Cambridge: The MIT Press.


Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2017 Geschlossene Gesellschaften - 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie