Ambivalente Anerkennungsordnung. ‚Doing reproduction’ und ‚doing family’ jenseits der heterosexuellen ‚Normalfamilie’

Christine Wimbauer, Almut Peukert, Mona Motakef

Abstract


Fragen der Reproduktion und Familiengründung stehen im Zentrum der (sozial-)politischen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. In Deutschland kam es zu einer zunehmenden rechtlichen Gleichstellung hetero- und homosexueller Lebensformen, doch bestehen soziale, institutionelle und rechtliche Ungleichheiten fort (Lembke 2016; Wapler 2015). Repro­duktionsmedizin und -technologien, wie In-Vitro-Fertilisation und Kryo­konservie­rung von Gameten, erleichtern demgegenüber mehr Menschen jenseits der heterosexuellen Dyade das faktische Verwirklichen von Elternschaft (Funcke, Thorn 2010; Thompson 2005). Beide Entwicklungen sind verbunden, da sie den (un-)glei­chen Zugang zu Elternschaft und wesentliche Veränderungen von Familie verhandeln: Wer soll bzw. darf sich reproduzieren und was zeichnet Familie – mit Blick auf Zugehörigkeiten, Arbeitsteilung und Verantwortung – heute aus?

Daher fokussieren wir die Heterogenität familialer Lebensformen jenseits der heterosexuellen Kleinfamilie – sog. Regenbogen- oder LGBTIQ-Familien – aus einer ungleichheitssoziologischen Perspektive. Unter Familie verstehen wir Menschen, die ein oder mehrere Kind/er haben, seien es Einzelne, Paare oder z.B. Doppelpaare.

In dem diesem Beitrag zugrundeliegenden Vortrag haben wir die Forschungsagenda eines beantragten Projektes vorgestellt. Es sollen drei Fragenkomplexe empirisch untersucht werden:

1. Eine vorgeschaltete Literaturstudie soll rechtliche Regulierungen der Familiengründung bei LGBTIQ-Familien erhellen. Welche (Un-)Gleichheiten in der institutionalisierten Anerkennungsordnung finden sich für nicht-heterosexuelle und z.T. nicht paarförmige (potentielle) Familien?

Im Zentrum des Vorhabens steht, auf 1. aufbauend, eine explorative, qualitative Untersuchung von ca. zwölf nicht-hetero­sexu­el­len Ein- und Mehrelternfamilien (inkl. Menschen, die eine solche Familie gründen möchten), die in gemeinsamen Interviews zu den folgenden, nur analytisch trennbaren, Komplexen befragt werden:

2. Wie werden Kinderwünsche realisiert bzw. nicht realisiert? Wie zeigt sich das konkrete doing reproduction der nicht-heterosexuellen (potentiellen) Ein- und Mehreltern­fa­milien vor dem Hintergrund einer ambivalenten Anerkennungsordnung?

3. Wie zeigt sich das doing family, also wie wird Familie in der Alltagspraxis hergestellt und welche Erfahrungen sozialer Ungleichheit, des Ein- und/oder Ausschlusses machen die Familien hierbei?

Diese soziologisch hoch aktuellen und relevanten Fragen sollen aus einer ungleichheits-, anerkennungs- und geschlechtersoziologisch-queertheoretischen Perspektive untersucht werden. Dabei verbinden wir innovativ (oft kulturwissenschaftliche) Forschungsansätze zum Reproduktionshandeln, zu Familie, zur Alltagspraxis von LGBTIQ-Familien sowie die soziologische Ungleichheits-, Geschlechter-, Familien- und Anerkennungsforschung.

Theoretische Ziele sind die empirisch fundierte Weiterentwicklung des Familienbegriffes sowie der Konzeptualisierung von Elternschaft vor dem Hintergrund einer ambivalenten Anerkennungsordnung. Damit kann das Vorhaben die Ungleichheits- und Anerkennungsforschung sowie die Familiensoziologie informieren, wobei soziologisch weitgehend Neuland betreten wird.

 

Ein Zeitschriftenartikel mit der Diskussion des Forschungsstandes und theoretischer Zugänge zum Thema ist in Planung.


Schlagworte


Familie; Familiengründung; LGBT; soziale Ungleichheit

Volltext:

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Literaturhinweise


Funcke, D., Thorn, P. (Hg.) 2010: Die gleichgeschlechtliche Familie mit Kindern. Interdisziplinäre Beiträge zu einer neuen Lebensform. Bielefeld: transcript.

Lembke, U. 2016: Das Versprechen der Gleichheit für gleichgeschlechtliche Paare. In U. Lembke (Hg.), Regulierungen des Intimen. Sexualität und Recht im modernen Staat. Wiesbaden: Springer VS, 177–196.

Thompson, C. 2005: Making Parents. The Ontological Choreography of Reproductive Technologies. Cambridge: MIT Press.

Wapler, F. 2015: Die Frage der Verfassungsmäßigkeit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Gutachten für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft.


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