Phänomene der Mitte? Wendeverlierer – Wutbürger: Wer sympathisiert mit Pegida?

Susanne Rippl

Abstract


Rechtspopulisten haben im Westen wie im Osten Deutschlands Zulauf. Europaweit und dort schon seit längerem etablieren sich rechte Parteien im politischen Spektrum. Rechtspopulismus ist kein deutsches und auch kein ostdeutsches Phänomen, sondern steht offenbar in Verbindung mit gesellschaftlichen Umbrüchen, Dynamiken und Veränderungen, die in einem globalen Rahmen stattfinden. Die Welt erscheint vielen Menschen überkomplex, chaotisch und krisenhaft (Nachtwey 2015, Rosa 2015). Die Regression auf Vereinfachung und Homogenität gibt ein Gefühl von Sicherheit. Diese Überforderung findet konkreten Ausdruck in einer Haltung, die von anomischen Gefühlen und Zukunftsangst geprägt ist. Nachtwey (2016: 299) kommt zu dem Schluss: „Pegida ist […] ein Resultat einer von Abstiegsängsten und Postdemokratisierungsprozessen geprägten Gesellschaft“. Diese Gefühle betreffen nicht nur die offensichtlichen Modernisierungsverlierer am unteren Ende der sozialen Schichtung, sie reichen weit in die Gesellschaft hinein – zumindest aktuelle Studien zu den Teilnehmern der Pegida-Proteste (Patzelt 2016, Vorländer et al. 2016) ebenso wie Wahlanalysen zu Wählern  der AfD weisen darauf hin, dass aus soziodemografischer Sicht auch die sogenannte Mitte der Gesellschaft betroffen ist. Von einigen  Wissenschaftlern  werden die Sympathisanten von Pegida und AfD als besorgte Normalbürger dargestellt (insbesondere Patzelt 2015a,b) andere wiederum sehen eine politische „Radikalisierung“ (Nachtwey 2015) oder „Enthemmung“ (Decker et al. 2016) der Mitte.Pegida und die AfD sind offenbar für einen Teil der Unzufriedenen und Verunsicherten zum Ventil ihres Protestes geworden. Oftmals wird von rechten Wutbürgern oder quasi in der ostdeutschen Variante von Wendeverlierern gesprochen. Inwieweit stimmen aber diese Thesen des „besorgten Normalbürgers aus der Mitte“ oder einer Radikalisierung der „Mitte“? Wer sind die „Wutbürger“ und „Wendeverlierer“ – die mit rechtem Protest reagieren? Im vorliegenden Beitrag wird eine empirische Annäherung an diese Fragen mit Hilfe von Daten der Allbus-Umfragen und einer in Chemnitz 2016 durchgeführten Bevölkerungsumfrage vorgelegt.


 


Schlagworte


Pegida; AfD; Mitte; Rechtsextremismus; Wendeverlierer; Wutbürger

Volltext:

PDF

Literaturhinweise


Barp, F., Eitel, H. 2016: Weil die Mitte in der Mitte liegt. Warum Pegida mit dem Extremismus-Paradigma nicht zu erklären ist und es zur Verharmlosung der Bewegung beiträgt. In T. Heim (Hg.), Pegida als Spiegel und Projektionsfläche. Springer: Wiesbaden, 111–142.

Bude, H. 2015: „Hass ist gesellschaftsfähig geworden“. Interview mit dem Deutschlandfunk vom 14. Oktober 2015, http://www.deutschlandfunk.de/extremismus-hass-ist-gesellschaftsfaehig-geworden.694.de.html?dram:article_id=333862 (letzter Aufruf 7. Dezember 2016).

Decker, O., Kiess, J., Brähler, E. 2016: Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Heitmeyer, W. 2010: Disparate Entwicklungen in Krisenzeiten, Entsolidarisierung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In W. Heitmeyer (Hg.), Deutsche Zustände. Folge 9, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 13–33.

Jesse, E., Backes, U. 1996: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Kessler, T., Mummendey, A., Klink, A. 1999: Soziale Identität und relative Deprivation: Determinanten individuellen und kollektiven Verhaltens in Ostdeutschland nach der Vereinigung. In M. Schmitt, L. Montada ( Hg.), Gerechtigkeitserleben und Befindlichkeit im wiedervereinigten Deutschland. Opladen: Leske + Budrich, 213–262.

Kocyba, P. 2016: Wieso Pegida keine Bewegung harmloser, besorgter Bürger ist. In K.S. Rehberg, F. Kunz, T. Schlinzig (Hg.), PEGIDA – Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und »Wende«-Enttäuschung? Bielefeld: Transkript-Verlag, S. 147–163.

Kurbjuweit, D. 2010: Wutbürger. Spiegel Online 41. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74184564.html, (letzter Aufruf 15. Dezember 2016).

Nachtwey, O. 2015: Rechte Wutbürger. Pegida oder das autoritäre Syndrom. Blätter für deutsche und internationale Politik, 16. Jg., Heft 3, 81–89.

Nachtwey, O. 2016: Pegida, politische Gelegenheitsstrukturen und der neue Autoritarismus. In K.S. Rehberg, F. Kunz, T. Schlinzig (Hg.), PEGIDA – Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und »Wende«-Enttäuschung? Bielefeld: Transkript-Verlag, 299–312.

Nassehi, A. 2015: Die letzte Stunde der Wahrheit. Hamburg: Murrman.

Patzelt, W. 2015: Edel sei der Volkswille. Was brodelt da eigentlich unter der Pegida-Oberfläche?, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 17, 21. Januar 2015, S. 12.

Patzelt, W. 2015: Was und wie denken Pegida-Demonstranten, https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/polsys/forschung/pegida/studie1-januar2015 (letzter Aufruf 3. November 2016).

Patzelt, W. 2016: Rassisten, Extremisten, Vulgärdemokra¬ten! Hat sich PEGIDA radikalisiert? https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/polsys/forschung/pegida/studie3-januar2016 (letzter Aufruf 14. Dezember 2016).

Rippl, S. et al. 2016: Pegida und Co. – Erste Ergebnisse einer Telefonumfrage in Chemnitz. Befunde und Erklärungsansätze. Forschungsbericht TU Chemnitz, Institut für Soziologie.

Rosa, H. 2015: Fremd im eigenen Land. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.4.2015.

Rosa, H. 2005: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Stöss, R. 2010: Rechtsextremismus im Wandel. Berlin: FES.

Vorländer, H., Herold, M., Schäller, S. 2016; PEGIDA; Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung. Wiesbaden: Springer.

Walter, F. 2011: Alt, stur, egoistisch, Spiegel Online vom 8. September 2011, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-ueber-wutbuerger-alt-stur-egoistisch-a-784664.html (letzter Aufruf 7. Dezember 2016).


Refbacks

  • Im Moment gibt es keine Refbacks


Copyright (c) 2017 Geschlossene Gesellschaften - 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie